Autogramme (und Artefakte) erzählen Geschichte

Meisterspion Guillaume

„Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier – respektieren Sie das!“

guilaume-portraitEs ist kurz nach halb sieben am 24. April 1974 in Bonn Bad-Godesberg. Der Bundesverfassungsschutz klingelt an der Wohnungstür der Familie Guillaume. Günter Guillaume zieht seinen Bademantel über den Schlafanzug und geht zur Tür. „Ich öffnete, sah eine Gruppe von Männern und eine Frau mit äußerlich unbewegten, aber innerlich erregten Gesichtern und wusste, was die Glocke geschlagen hatte.“ Als die Beamten die Wohnung stürmen entgegnet Guillaume: „Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier – respektieren Sie das!“

Der Geheimdienst hat Guillaume und seine Frau Christel als Spione der DDR enttarnt. Günter Guillaume hatte es bis zum persönlichen Referenten von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) gebracht. 18 Jahre lang hatte das Paar unerkannt in der Bundesrepublik gelebt und er sich bis zum Kanzler hochgearbeitet. Der Meisterspion war seit 1970 im Kanzleramt und ab 1.2.1973 persönlicher Referent des Kanzlers.

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Postkarte vom 16.4.1974 von der Côte d`Azur an Bonner Freunde (8 Tage vor seiner Verhaftung!). Im Frankreichurlaub wurde Guillaume bereits observiert.

Der Bundeskanzler erhält keine Rückendeckung von seinem Kollegen Herbert Wehner, Bundestagsfraktionsvorsitzender der SPD, fühlt sich in Stich gesetzt. Ein schlechtes Krisenmanagement und eine gewisse Resignation führen schließlich zum Rücktritt des Kanzlers am 6. Mai 1974. Im Nachhinein war die Guillaume-Affäre zwar Anlass, aber nicht Ursache des Rückzuges. Brandt später: „Nein, zwingend war der Rücktritt nicht, auch wenn der Schritt mir damals unausweichlich schien. Ich nahm die politische Verantwortung ernst, vielleicht zu wörtlich.“ Die Deutschen sind enttäuscht. Hoffnungen auf Erneuerungen, gerade in der Ostpolitik, sind zerschlagen.

Günter Guillaume war 1963 noch Sekretär des SPD-Unterbezirks Frankfurt am Main und 1968 Stadtverordneter. Bereits drei Jahre später ist er in Bonn und an der Seite des Bundeskanzlers. Er verehrt Willy Brandt, trägt sogar seine Aktentasche. Später wird ihm nachgesagt, er sei nach 18 Jahren in der SPD tief im Inneren kein Sozialist mehr gewesen, sondern ein Sozialdemokrat.

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DDR-Geheimdienstchef Markus Wolf (jahrelang der „Mann ohne Gesicht“). Sein größter Coup: Günter Guillaume

In seinen Stasi-Erinnerungen schreibt Guillaume später: „Einiges geschah damals ohne mein Zutun. Für die weitere Karriere im Bundeskanzleramt reichte es, mich als Mann des Volkes immer wieder in Erinnerung zu bringen, als Praktiker, der es verstand, den einfachen Leuten aufs Maul zu schauen“.

Nach der Enttarnung im April 1974 werden Günter Guillaume zu 13 und seine Frau zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die sie aber beide aufgrund eines Austausches gegen acht West-Agenten am 1. Oktober 1981 nicht vollständig verbüßen müssen.