Autogramme (und Artefakte) erzählen Geschichte

„Wrapped“ Reichstag

„Lassen Sie uns diese neue deutsche, demokratische Gelassenheit durch ein großes Symbol für 14 Tage leisten…

christo… und dann gehen wir mit großem Vergnügen und mit großem Ernst in den umgebauten Reichstag.“

Vielleicht waren es die Schlussworte des SPD-Abgeordneten Freimut Duve, die das Blatt wendeten. Jedenfalls stimmten am 25. Februar 1994 insgesamt 292 Bundestagsabgeordnete für eine Verhüllung des Reichstages, 223 dagegen.

Eine Postkarte des Amerikaners Michael Cullen im August 1971, adressiert an den Verpackungskünstler Christo und seine Frau Jeanne-Claude, war die Geburtsstunde einer spektakulären Kunstaktion in Berlin. Was folgte war ein 24 Jahre dauernder Kampf und Krampf durch Institutionen und Gremien bis zu genannten Bundestagsentscheid.

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Der Stoff, der alles verhüllte, war ein schwer entflammbares Polypropylengewebe mit hauchdünn aufgedampften Aluminium.

Im Jahre 1976 konnten der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt und die Bundestagspräsidentin Annemarie Renger für das Projekt gewonnen werden. Ihr Nachfolger, Karl Carstens, wiederum lehnte eine Verhüllung im Mai 1977 ab. Anfang der 80er Jahre hatte das Projekt wieder drei renommierte Unterstützer: Bundespräsident von Weizsäcker, Bundestagspräsident Rainer Barzel und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen. Barzels Nachfolger, Philipp Jenninger musste dann sein Amt wegen einer verunglückten Bundestagsrede zur Reichspogromnacht am 25. November 1988 an Rita Süssmuth übertragen. Die konnte sich Anfangs für das Projekt nicht so recht begeistern.

Die Wende brachte die „Wende“ im November 1989 und Christo vermeldete: „Jetzt erst recht“. Der Reichstag war wieder im Gespräch: Als mögliches Parlamentsgebäude in einer möglichen Hauptstadt Berlin. Schließlich lenkte Frau Süssmuth nach einem Gespräch mit Christo und Jeanne-Claude am 9. Februar 1992 ein. Nach dem Ja des Bundestages im Februar 1994 musste die Verhüllung nach einem strickten Zeitplan erfolgen, da bereits nach der zeitlich begrenzten Aktion die Umbauarbeiten zum Parlamentsgebäude im Sommer 1995 erfolgen sollten.

reichstag-2-webAb dem 17. Juni 1995 wurde das Gebäude in einer technischen Meisterleistung von insgesamt 45 Gewerbekletterern im Schichtbetrieb verhüllt. Rund 90 Tonnen Stoff, 15 Kilometer Seil und 20 Tonnen Stahlgerüst wurden verbaut. Vom 24. Juni bis zum 7. Juli war das Gebäude komplett verhüllt.

reichstag-1-web„Wrapped Reichstag“ wurde zu einem riesigen Happening und Sommermärchen. In den zwei Wochen kamen rund fünf Millionen Menschen aus dem In- und Ausland nach Berlin. Nach einem Vierteljahrhundert, mit teils hartem Widerstand, hatte das Künstlerehepaar sein erreicht.

Die spanische Zeitung „El Pais“ schrieb damals: „Christo hat möglicherweise den Grundstein für ein lockeres Deutschland gelegt, für ein Deutschland, das nicht mehr ständig mit zusammmengebissenen Zähnen durch die Welt geht.“